Blütenland

Blütenland

Dschuang Dsi

Wer sich mit dem philosophischen Daoismus beschäftigen möchte, hat es insbesondere mit zwei Primärtexten zu tun:
- dem Tao Te King von Lao Tse
- und dem Wahren Buch vom südlichen Blütenland von Dschuang Dsi

Das Tao Te King ist der ältere Text, die Autorschaft ist nicht unumstritten und um seine Entstehungsgeschichte ranken sich Legenden (zB die Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King auf dem Weg des Laotse in die Emigration von Bertolt Brecht). Eher als um einen zusammenhängenden Text handelt es sich dabei um eine Sammlung von Aphorismen, deren kryptische Wirkung auf uns allerdings auch mit den Übersetzungen zusammenhängt.

Er bildet die Grundlage für das sehr viel geschlossenere Werk von Dschuang Dsi, das Wahre Buch vom südlichen Blütenland. Dschuang Dsi gelingt es in weiten Teilen, die gleichen Gedanken und Grundsätze, die auch Laotse beschreibt, anhand von Metaphern und Gleichnissen sehr viel anschaulicher zu vermitteln. Allein die Bilder, die er verwendet, üben eine gewisse Faszination aus und lassen häufig ein intuitives Verständnis entstehen.

Was sich bei Dschuang Dsi durch fabelartige Tiergeschichten und durch Dialoge verschiedener Gelehrter als eine Art Idealzustand des Menschen abzeichnet, ist nicht Wissen, Weisheit, Gläubigkeit, Demut, keine Art von Gutmenschentum, sondern eine Haltung, die Einklang mit sich selbst und der Welt spiegelt. Kritiker werfen dem Daoisten Quietismus vor, - was meiner Meinung nach nur eine sehr oberflächliche, falsch verstandene Ausprägung der daoistischen Weltanschauung trifft.

Das Blütenland ist für mich in weiten Teilen die Anwendung des Tao Te King, die Anleitung zu einem gelebten Daoismus. Die mit Abstand bekannteste Geschichte aus dem Buch ist der Schmetterlingstraum:

Einst träumte Dschuang Dschou, daß er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wußte von Dschuang Dschou. Plötzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou geträumt hat, daß er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, daß er Dschuang Dschou sei, obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.

An dieser Geschichte zeigt sich beispielhaft, wie Dschuang Dsi Philosophie wie hier eine Erkenntnistheoretische Überlegung mit poetischer Bildhaftigkeit verbindet.

Ein weiterer bekannter und sehr eindringlicher Abschnitt ist "Die Freude der Fische":

Dschuang Dsi ging einst mit Hui Dsi spazieren am Ufer eines Flusses. Dschuang Dsi sprach: "Wie lustig die Forellen aus dem Wasser herausspringen! Das ist die Freude der Fische." Hui Dsi sprach: "Ihr seid kein Fisch, wie wollt Ihr denn die Freude der Fische kennen?" Dschuang Dsi sprach: "Ihr seid nicht ich, wie könnt Ihr da wissen, daß ich die Freude der Fische nicht kenne?" Hui Dsi sprach: "Ich bin nicht Ihr, so kann ich Euch allerdings nicht erkennen. Nun seid Ihr aber sicher kein Fisch, und so ist es klar, daß Ihr nicht die Freude der Fische kennt." Dschuang Dsi sprach: "Bitte laßt uns zum Ausgangspunkt zurückkehren! Ihr habt gesagt: Wie könnt Ihr denn die Freude der Fische erkennen? Dabei wußtet Ihr ganz gut, daß ich sie kenne, und fragtet mich dennoch. Ich erkenne die Freude der Fische aus meiner Freude beim Wandern am Fluß."

Hier zeigt sich bereits etwas von der Haltung, die nach Dschuang Dsi einen verständigen Menschen ausmacht. An einigen Stellen scheinen die Texte fast wie Handlungsanweisungen, oft durch die Metapher eines Handwerkers verdeutlicht, der sein Handwerk meisterlich beherrscht.

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© 2006 - zuletzt geändert von septembermond

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