Christoph Meckel

Christoph Meckel

Ich bin schlaflos in der Septembernacht, gute Schlaflosigkeit, denn sie ist erwünscht, es gehört dazu ein Glas Wein und etwas Brot. Die Tür ist zum Berghang hin geöffnet, ein Wind gibt Auskunft über Bäume im Dunkeln. Ein Igel schabt an der Mauer entlang, ein Käuzchen wiederholt sein ödes Signal, der Schreibmaschinenvogel klappert im Haus. Das Gehör nimmt uneingeschränkt die Stille wahr, der Gedanke kommt zu sich selbst, Atem und Körpergefühl stimmen überein. Die Hundstage sind vorbei, der schwere Sommer wird leicht. Es gibt an den Vormittagen ein Licht, das hier seit Monaten nicht vorhanden war, es engt die Materie nicht mehr ein, unterscheidet wieder zwischen Nähe und Ferne, verschleiert nicht Erscheinung, Gestalt und Form. Zur Heiterkeit dieser Tage gehört der Tau, Gräser und Spinnwebschalen voll von Tau, ein Schimmer, der Tropfen in Schleiern zusammenzieht, flüssige Dentellen im frühen Licht, unzähliges Funkeln. Die ersten Zugvögel sammeln sich zwischen den Bergen, über den Friedhöfen, auf dem Hochplateau, dort verfallen Kränze aus Blech und Glas. Die Gegend sieht weiterhin nach sich selber aus, die Erscheinung ist noch erhalten, der Anblick täuscht, die Gewißheit von Luft und Wasser ist vorbei.

 

aus: Christoph Meckel, Von den Luftgeschäften der Poesie. Frankfurter Vorlesungen. Suhrkamp 1989, S.7f.


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